Durchbruch: Lyrikanalyse

Wenn der Spruch „Nicht für die Schule – für das Leben lernen wir“ sich im Alltag bewahrheitet und diese Wahrheit einem das Leben (- bzw. in diesem Fall halt das Thema „Lyrikanalyse“) doch recht vereinfacht, dann lehnt man sich zufrieden zurück und gedenkt melancholisch lächelnd der guten alten Zeiten… die einen in den guten alten Zeiten vor Verzweiflung regelmässig in den übertrieben dramatischen Teenage-Wahnsinn getrieben haben.

„Stell dich nicht so an, Kind.“, würde ich meinem Teenager-Selbst sagen. „Es mag dir jetzt sinnlos und mühsam und als gemeine Schikane erscheinen – aber in gut 20 Jahren wirst du mal froh drüber sein! Das Zeug ist echt brauchbar!“

„Wer bist du und was weisst du schon vom Leben und meinen Problemen?“, würde mein verpickeltes, sozial minderbemitteltes Teenager-Selbst dann patzig fragen.

„Ich bin du! Und ich spreche zu dir aus dem Jahr 2015.“

„2015! Unmöglich… da wäre ich ja schliesslich schon 36 und wie du weisst, gebe ich mir mit 30 die Kugel, weil ich nicht so ein alter Sack sein werde – niemals!“

„Tja, dumm gelaufen. Du gehst tatsächlich auf die 40 zu und bist eigentlich ganz zufrieden, so im Allgemeinen, dich mit 30 nicht in die ewigen Jagdgründe versetzt zu haben. Und so schlecht siehst du eigentlich mit Mitte 30 auch gar nicht aus… äh, nur ein Wort der Weisheit zum Abschluss: nimm das mit dem leidigen Sport mal ein bisschen ernster. Du wirst es dir mal danken.“

„…“

Daher: an dieser Stelle möchte ich, 18 Jahre zu spät, von ganzem Herzen Prof. M. Divjak-Mirwald und Prof. B. Pendl danken… zwei vom damaligen Standpunkt aus höchst mindergeschätzte Damen, ihres Zeichens Gymnasialprofessorinnen. Für Latein und Deutsch. Latein war ja sowieso immer mein absolutes Horrorfach, quasi gleich auf mit Mathematik und Physik, nur dass mich Latein und das ganze Drumherum im Gegensatz zu Mathe und Physik schon durchaus interessiert hat – auch wenn ich halt wirklich schlecht darin war. Selten habe ich während Unterrichtsstunden so geschwitzt, als wenn eine Übersetzung eines lateinischen Satzes auf mich zukam. (Ausser es stand eine Stundenwiederholung in Geographie bei Prof. Bachler an… na, das war immer ein Heidenspass!)

Latein war irgendwie einfach nicht mein Ding… möchte aber doch anmerken, dass ich mittlerweile diese 6(!) qualvollen Jahre doch sehr zu schätzen gelernt habe. Allgemeines Sprachverständnis. Ein Gefühl für romanische Sprachen. Leichteres Merken und Herleiten von Fremdwörtern und Fachbegriffen. Etc.

Jedenfalls. Prof. Divjak-Mirwald legte, zumindest ist dieser Teil sehr in meiner Erinnerung hängengeblieben, immer sehr viel Wert auf korrektes metrisches Lesen der Schriften der altehrwürdigen Herren Autoren. Wer war denn noch gleich dieser Meister des Hexameters… war es Cicero? Ovid? Ja… Ovid. (…oder?) Oh, es war totaler Drill. Übersetzung alleine war nicht genug. Wieder und wieder mussten wir ein und dieselbe Zeile vorlesen, oder ganze Strophen, reihum, bis wir den Hexameter irgendwann mal spielend draufhatten.

Natürlich mussten andere Versfüsse und Versmaße auch zielsicher erkannt werden. Und schliesslich kam es, wie es kommen musste: ich konnte es irgendwann.

Ähnlich Prof. Pendl im Deutschunterricht, die ihrerseits ebenfalls grossen Wert auf „Textbesprechungen“ literarischer Werke legte. Zu jedem gelesenen Reclam-Heft (- und deren gab es im Lauf der Jahre Viele!) war im Anschluss als Hausübung a) eine Inhaltsangabe zu schreiben und b) eine ausführliche Textbesprechung zu machen. Also, im Klartext: eine Dramen-/bzw. Lyrikanalyse durchzuführen. Auch das hatte ich irgendwann drauf, auch wenn ich es bis zuletzt abgrundtief hasste.

(Oft erkennt man den Wert einer Sache ja eben erst im Nachhinein… mein Kreis schliesst sich, nach 18 Jahren.)

Denn, jedenfalls, als im Studienbrief zum ersten Mal das Wort „Jambus“ auftauchte, dachte mein Hirn – vollautomatisch und 18 Jahre nachdem ich das letzte Mal bewusst etwas mit dieser Thematik zu tun hatte – instinktiv: „Trochäus – Daktylus – Anapäst“. Faszinierend. Nur der Spondäus war mir adhoc kein Begriff mehr. Und zur Worterklärung des Hexameters fingen die Silben in meinem Kopf an, im Dreivierteltakt zu tanzen. Einfach so. Paarreim, Kreuzreim, Enjambement, Alliteration, männliche und weibliche Kadenz, elegisches Distichon… alles irgendwie irgendwo in einer alten, verstaubten Lade abgespeichert und bereit, knarrend und knarzend natürlich, geöffnet zu werden. Meine lieben Gym-Professorinnen haben also ganze Arbeit geleistet, denn auch wenn ich damals vor Langeweile oft beinahe gestorben wäre, so ist ganz offensichtlich dennoch eine Menge hängengeblieben, die ich jetzt sehr gut brauchen kann.

Also, meine lieben zwei Damen, wenn Sie das hier vielleicht einmal im Zuge einer Selbstergoogelung lesen sollten, dann betrachten Sie sich bitte hiermit als im Nachhinein hochverehrt und mit Dank überschüttet.

Und ich gebe zu: zum ersten Mal seit letztem Semester beginne ich nachzuvollziehen, warum manchen Studenten das Modul L1 so gefällt. Meine wöchentlichen Treffen mit Komillitonin #C werden immer produktiver und sinnvoller – etwas, das eben heute ganz besonders aufgefallen ist.

Lyrikanalyse war trotz meiner latenten, verstaubten Erinnerungsfetzen ein zunächst scheinbar unüberwindbarer Berg an Fachbegriffen, die sich nicht auf Anhieb anhand der zur Verfügung stehenden Unterlagen sinnvoll strukturieren liessen. Ein Berg chaotischer Unterlagen! Verzweifelt hochgezogene Augenbrauen und fragende Blicke zwischen mir und #C.

Und dann, auf einmal… lief’s plötzlich. Wie ganz von allein. Struktur fand ins Chaos, Wissen bahnte sich seinen Weg in unsere Köpfe, Licht ins Dunkel, Aha-Erlebnisse am Fliessband. Mehr und mehr Details aus meiner Erinnerungskiste. Gar nicht so schwer. Und gar nicht so erschlagend, erdrückend, wie zu Beginn noch wahrgenommen. Zusammen geht alles leichter… alleine hätte ich viel früher aufgegeben, lange bevor der erste Schimmer des wirklichen Verstehens/Erinnerns am Horizont erschienen wäre. Lernen mit #C macht Spass und motiviert… und am Ende haben wir doch tatsächlich Lyirk analysiert! Sapperlott.

Wenn das so weitergeht, sehe ich das Problem am Bestehen von L1 eigentlich nicht mehr. Und: Lyrikanalyse macht doch tatsächlich Spass – Heureka.

Advertisements

3 Kommentare zu “Durchbruch: Lyrikanalyse

  1. Pingback: 5 Tage noch. | Mein Fernstudium an der FernUni in Hagen

  2. Pingback: Habemus Note! #4 | Mein Fernstudium an der FernUni in Hagen

  3. Oh Gott, Latein und Mathematik. Die apokalyptischen Reiter der humanistischen Bildung.
    Und über allem versuchte die Deutschlehrerin, das Abitur zu retten:
    Thomas Bernhard statt Tacitus, Kafka statt
    “ gegeben ist eine Funktion von F von X.“
    Ich brach durch die Physikprüfung, wie die aufs Eis gepeitschte Kuh und mochte nicht dem Metzgerlehrling glauben, der pfeifend seine Schläuche prüft.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s